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Birdracer 2016 - Mit Bube, Dame, König unterwegs

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Wenn man den Raufußkauz frühmorgens antreffen will, ist es gut, zu wissen, wo er wohnt. Das herauszufinden, kann dauern, denn sein Revier liegt in einem weitläufigen, dichten Mischwald, der sich über rund neun Quadratkilometer westlich von Lüneburg erstreckt.

Die drei Vogelkundler vom Team „Bube, Dame, König“ kennen sich jedoch seit Jahren bestens aus in den Wäldern, Flußauen und anderen Natur-Hotspots rund um die Hansestadt. Und deshalb haben sie bereits vor Tagesanbruch Stellung bezogen nahe der Eiche mit dem großen ovalen Loch, die praktischerweise nur wenige Schritte von einem öffentlichen Waldweg entfernt steht.

„Bube, Dame, König“: Das sind Johannes Stühmer, 19, seine Mutter Karen Heitland und sein Großvater Wolfgang Heitland – drei Generationen passionierter Vogelbeobachter und eines von 291 Teams, die am 7. Mai 2016 zum 13. bundesweiten Birdrace antraten. Seit 2004 ruft der Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA), in dem alle vogelkundlichen Verbände des Landes zusammengeschlossen sind, zur großen Frühjahrs-Blitzinventur auf, in Verbindung mit dem GEO-Tag der Artenvielfalt.

In diesem Jahr beteiligten sich über 1000 passionierte „Birdwatcher“, so viele wie nie zuvor. Jedes Bundesland stellte mindestens zwei Teams. Im Süden hofften etwa „Bodensehschwalben“, „Gimpel Minds“, „Die 3 Zehenspechter“ und die „Heilbronner Nestflüchter“ auf gute Sicht, im Norden nahmen „Labskauz“, „Usedommeln“, „DARSS Attacks“ und „Easy Eider“ den Flugverkehr ins Visier, und dazwischen bewiesen „Herford Birders“, „Leipziger Lerchen“, „Göttinger Sozialbrachvögel“ und die „Rheinregenpfeifer“, dass es auch in dicht besiedelten, städtischen Regionen ein reiches Vogelleben zu entdecken gibt.

„Birdrace“ – der Begriff ist natürlich nicht wörtlich zu nehmen. Kein Vogel wird an diesem Tag zu sportlichen Leistungen genötigt; vielmehr sind es ihre BeobachterInnen, die sich in Bewegung setzen. Zu Fuß (wenige), mit dem Auto (einige mehr), die meisten aber – klimafreundlich – mit dem Fahrrad. Das Ziel: Innerhalb von 24 Stunden möglichst viele Vogelarten zu sehen und/oder zu hören, auf einer selbst festgelegten Route, die in der Regel durch vertraute Beobachtungsgebiete innerhalb einer Stadt oder eines Landkreises verläuft.

Es gibt Teams, die das Rennen in aller Ruhe angehen. Die morgens um acht oder neun nach gemütlichem Frühstück ins Gelände gehen und notieren, was gerade am Weg fliegt und singt. Da können, mit Amseln, Staren, Spatzen, diversen Meisen und Finken und der ein oder anderen Ammer, gut und gern ein paar Dutzend Arten zusammenkommen. Wer allerdings beim Birdrace auch nur in die Nähe der Top 50 kommen will, muss reichlich über hundert Namen auf der Liste haben – das zeigen jedenfalls die Ergebnisse der vergangenen Jahre.

Dies zu schaffen, erfordert nicht nur gute Kondition und viele Kilometer, sondern vor allem: frühes Aufstehen. Denn in den Stunden vor und nach Sonnenaufgang sind die meisten Vögel am aktivsten.

Das Team „Bube, Dame, König“ ist gegen zwei Uhr früh mit dem Fahrrad von Lüneburg aufgebrochen. Kurz vor drei erreicht es das Waldgebiet „Gellerser Anfang“. Um diese Zeit, hofft Karen Heitland, könnte die Schleiereule rufen, die im Feuerwehrturm des Dorfes Südergellersen ihr Quartier hat, aber sie meldet sich leider nicht. Vogel Nr. 1 auf der Tagesliste ist ausgerechnet ein Kuckuck, der, womöglich im Halbschlaf, einige kurze Töne von sich gibt.

Hinein in den stockdunklen Wald, zu jenem Weg, an dem außer dem Raufußkauz noch einige andere Nachtvögel ihr Revier haben, etwa der Sperlingskauz, die kleinste europäische Eulenart. Im vergangenen Jahr, erzählt Wolfgang Heitland, konnte man im Vollmondlicht mehrere der kaum drosselgroßen Vögel sehen, die auf den Fichtenspitzen am Wegrand auf Beute lauerten. In diesem Jahr halten jedoch auch sie sich auffallend bedeckt, obwohl es mild und fast windstill ist – ideales Wetter zum Balzen und Jagen.

Eine gute Stunde harrt das Team regungslos im Wald aus. Der steht schwarz und schweiget, wie im bekannten Volkslied. Nur gelegentlich knackt ein Ast, untermalt vom Surren einer wenige Kilometer entfernten Windkraftanlage. Kurz nach vier ertönt endlich ein heller, flötenartiger Pfiff: Der Sperlingskauz ruft! Hörbares Aufatmen in der Gruppe. Jetzt lässt sich auch ein Waldkauz vernehmen, und gegen halb fünf erhebt der erste Singvogel des Tages seine Stimme – ein Rotkehlchen, in dessen Lied bald ein ganzer Chor von Artgenossen einstimmt. Singdrosseln und Meisen folgen kurz vor Sonnenaufgang, ebenfalls in Chorstärke.

Zeit, auch den Raufußkauz zu begrüßen. Gegen halb sechs zeigt er sich kurz am Eingang seiner Höhle, fixiert gelassen ein Fernglas und zwei Teleskope, die auf ihn gerichtet sind, und zieht sich dann wieder zurück. Bube, Dame und König strahlen: Raufuß- und Sperlingskauz, das sind zwei „big points“ auf der Tagesliste, zwei ebenso seltene wie schwer zu beobachtende Arten, die nur wenige andere Teams aufspüren dürften.

In den nächsten drei Stunden zeigt sich, dass das gängige Bild vom Vogel“beobachter“, der ständig durch Feldstecher und Teleskope in die Landschaft starrt, ein Klischee ist. Und dass Naturwahrnehmung auch ganz ohne optische Hilfsmittel funktioniert: allein mit den Ohren, ergänzt durch ein gutes akustisches Gedächtnis. Gerade im Wald hilft selbst das schärfste Auge meist nicht weiter, weil die Vögel in der Regel hinter Blattwerk verborgen sind – wenn sie nicht zufällig aus Höhlen herausgucken.

Ihr Gesang aber verrät sie sicher, und den drei Experten des Teams „Bube, Dame, König“ ist der Vogelchor mitteleuropäischer Wälder durch jahrelange Übung so vertraut, dass sie die meisten Stimmen schon im Vorbeifahren erkennen: das Gurren der Hohltaube, den schwirrende Ruf des Waldlaubsängers, das näselnde „Djää“ des Schwarzspechts, die verwirrende Vielfalt der Laute, mit denen sich Kohl-, Blau-, Sumpf-, Weiden- und Tannenmeisen untereinander verständigen.

Nur bei den Goldhähnchen muss „König“ Wolfgang Heitland gelegentlich passen – das haarfeine hohe Sirren der kleinsten europäischen Vögel ist für ältere Ohren oft nur noch schwer zu vernehmen. Aber Johannes hat, im Einverständnis mit seiner Mutter, schon die Häkchen auf der Liste gemacht: Nach den Regeln des Birdrace reicht es, wenn zwei Mitglieder eines Teams einen Vogel sicher identifiziert haben.

Um sieben Uhr morgens sind bereits 48 Arten verzeichnet, bis zum späten Abend werden noch 79 dazukommen – darunter einige „big points“ wie ein Temminckstrandläufer, der auf dem Durchzug in sein skandinavisches Brutrevier in der Winsener Marsch Station gemacht hat. Außerdem zwei nördliche Verwandte unserer heimischen Schafstelze, die erst seit wenigen Jahren als eigene Spezies gezählt werden.

127 Arten – das reicht diesmal „nur“ für Platz 56 in der Gesamtwertung, Platz 20 bei den Fahrradteams. Vielleicht wäre mehr drin gewesen, meint Karen Heitland, wenn sich nicht ein paar gute Bekannte ungewöhnlich rar gemacht hätten – die Schleiereule etwa, aber auch die Heidelerche, der Gartenrotschwanz und die Haubenmeise. Waren sie gerade nicht in Singlaune? Oder deutet ihr Fehlen darauf hin, dass sie insgesamt seltener geworden sind?

Um das beurteilen zu können, muss man die Gesamtbilanz aller Birdrace-Teams betrachten. Die gibt, was den Gartenrotschwanz angeht, eher Entwarnung: Die farbenfrohen Singvögel, die vor allem alte Obstbäume lieben, wurden in diesem Jahr auffallend häufig beobachtet. Auch die heimliche Wachtel zeigte sich präsenter als früheren Jahren, ebenso der Schwarzmilan. Zwei weitere Spezies, die vor nicht langer Zeit noch Raritätenstatus hatten, erreichten sogar neue Rekordwerte: Der schneeweiße Silberreiher, der Deutschland als neues Sommerquartier entdeckt hat, und der prächtige Bienenfresser, der sich von Süden her ausbreitet. Beide Vögel könnten, so vermuten Ornithologen, vom Klimawandel profitieren.

Andere Arten befinden sich dagegen dauerhaft im Sinkflug – auch das dokumentieren die Ergebnisse des Birdrace. Nur noch 16 Prozent aller Teams entdeckten ein Rebhuhn – der niedrigste jemals gemessene Wert. Der frühere so häufige Feldvogel findet in der ausgeräumten, pestizidgetränkten Agrarlandschaft kaum noch Nahrung und Deckung, ein Schicksal, das er mit vielen anderen Arten wie etwa Kiebitz, Bekassine und Feldlerche teilt.

Mit 302 erreicht die Zahl der beobachteten Spezies in diesem Jahr dennoch einen neuen Spitzenwert. Die Experten des DDA führen dies zum einen auf die Rekordzahl an Beobachtern, zum anderen auf das ideale Wetter zurück: strahlender Sonnenschein, bis zu 27 Grad. Günstig wirkte sich zudem ein leichter Ostwind aus, der eine Reihe von Wintergästen von der Weiterreise in nordöstlich gelegene Brutgebiete abhielt. Sie gingen als „big points“ in die Listen ein – und sorgten mit dafür, dass diesmal 168 Teams die 100-Arten-Marke knackten, mehr als je zuvor.

Sieger 2016 wurde, bereits zum zehnten Mal, das Team „Cuxland“, mit 167 Arten, genau einer Art mehr als die zweitplatzierten „Speedbirder“ aus Sachsen. In der Fahrradwertung siegten die „Usedommeln“ (162) in der Küken-Wertung – Bedingung: Mehrheit der Teammitglieder unter 20 Jahre alt – lag der YoungBirdersClub aus Pinneberg mit 126 Arten vorn.

Die weiter hinten Platzierten müssen sich jedoch nicht grämen: Bei einem Birdrace geht es ja nicht um Medaillen oder Prämien; die Spenden der zahlreichen Sponsoren – über 26 000 Euro – kommen ausschließlich dem Betrieb der Webseite „ornitho.de“ zugute, auf der Birdwachter aus ganz Deutschland Beobachtungen online melden und archivieren können.

Bleibt eine letzte, grundsätzliche Frage: Was bewegt Menschen überhaupt dazu, sich einen kompletten Tag abzustrampeln, um ein paar Dutzend Vogelnamen zu notieren, mit denen außer ihnen und einer überschaubaren Gemeinde von Enthusiasten kaum jemand etwas anfangen kann? Selbst naturbegeisterten Menschen mag das merkwürdig vorkommen.

Aber die Antwort ergibt sich von selbst, wenn man ein Team wie „Bube, Dame, König“ nur wenige Kilometer auf ihrer Tour begleitet.

Abends gegen acht in der Winsener Marsch: Aus buchstäblich heiterem Himmel kommt ein Falke geflogen, landet auf der Spitze einer Weide am Wegrand und bleibt dort sitzen. Dreht und wendet sich mehrmals in aller Ruhe, als wolle er seine arttypischen Kennzeichen geradezu lehrbuchmäßig präsentieren: das schiefergraue Deckgefieder, die leuchtend rostroten, von ebensolchen Federn umhüllten Füße. Ein Rotfußfalke, ein seltener Gast aus Südosteuropa oder Russland. Vielleicht auf der Suche nach einem neuen Brutrevier am Rand seines Verbreitungsgebiets?

Einige Minuten lang vergessen Bube, Dame, König, dass sie eigentlich ein Rennen bestreiten, und betrachten den Vogel, dessen rote Füße und Federn auch noch filmreif von der Abendsonne beleuchtet werden.

Es sind solche Momente, in denen man selbst als flüchtiger, unbeteiligter Beobachter verstehen kann, weshalb sich so viele Menschen immer wieder aufs Neues von Vögeln verzaubern lassen.

         

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